Bedürfnisorientierte erziehung psychologie

Kinofilm "Elternschule": "Ihr Kind will Sie nicht ärgern". Ein Baby, das fröhlich gluckst, gut schläft, gern isst und bestens gedeiht. So stellen sich viele Eltern das glückliche Leben mit Kind vor. Aber manchmal kommt es anders: Da geraten Eltern in einen Zustand von Verzweiflung, Erschöpfung, Mutlosigkeit. Dauernd kümmern sie sich, aber das Kind schreit trotzdem.

Es will nicht essen, nicht schlafen, lässt sich nicht beruhigen. So geht es auch Lena Nolte. Als ihr Sohn Jonas 13 Monate alt wird, ist sie mit ihren Kräften am Ende. Ich habe auch Telefonate abgebrochen. Schleppt ihn von einem Arzt zum nächsten, 35 Cremes werden ihm verschrieben - ohne Erfolg. So landen beide in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen.

Bedürfnisorientierte Erziehung: So bleibst du in Kontakt mit deinem Kind

Eine Einrichtung, die sich um chronisch gestresste Kinder und deren Eltern kümmert. Jahrelang hat kaum jemand Zweifel daran, dass hier vielen Familien in Not geholfen wird - bis ein Filmteam auf der Station eine knapp zweistündige Dokumentation dreht und in diesem Herbst ein Trailer des fertigen Films "Elternschule" die Runde macht. Das löst einen in Deutschland bis dato beispiellosen Streit über Kindererziehung aus.

Er zeigt, wie die ohnehin oft unversöhnlich geführte Debatte um "richtige" und "falsche" Pädagogik eskalieren kann - und wie missverstanden sich leidgeprüfte Eltern und betroffene Ärzte fühlen. Rückblick: Im September erscheint der Trailer, am Oktober kommt "Elternschule" in deutsche Programmkinos. An den Beschuldigten geht all das nicht spurlos vorbei. Treffen in einem der Klinikspielzimmer mit dem Psychologen und Therapeutischen Leiter, Dietmar Langer, und Kurt-Andre Lion, ärztlicher Leiter der Abteilung Psychosomatik, Pneumologie und Allergologie: "Fassungslos.

Langer ärgert sich weder über ihn noch über den Film. Zuzugeben, mit den eigenen Kindern nicht klarzukommen, ist immer noch ein Tabu in dieser Gesellschaft. So sehen es auch Nolte und Svenja Rhode, eine weitere Mutter, die mit ihrem Sohn Devon, 9, vor wenigen Monaten in der Klinik war und nun am Gespräch teilnimmt.

Bei anderen Ärzten habe ihnen gefehlt, dass sie mal zuhören, Stress als mögliche Ursache der Probleme erkennen, sagen die beiden Frauen. Mit dem fertigen Film seien alle zufrieden gewesen, sagt Lion. Die Patienten in Gelsenkirchen: Kinder wie Jonas und Devon, die unter Neurodermitis leiden. Kinder, die extreme Ein- und Durchschlafprobleme haben, das Essen verweigern, exzessiv schreien, sich nicht von ihren Eltern trennen können, chronisch gestresst sind.

Die Klinik nimmt diese Kinder und ihre Hauptbezugsperson für drei Wochen stationär auf. Alle haben eins gemeinsam: Sie bringen eine lange Leidensgeschichte mit. Ihr Kind habe kaum noch geschlafen und sie auch nicht, erzählt Rhode, zeitweise alleinerziehend mit zwei Kindern, daneben berufstätig. Die Verzweiflung von Eltern wird auch im Film deutlich: Eine Mutter sagt, ihr Baby habe zu Hause bis zu 14 Stunden am Stück geschrien.

Eine andere meint, wenn es hier nicht klappe, müsse sie ihre Tochter ins Heim geben. Die Klinik als letzte Rettung. Rhode sagt, bei der Ankunft in der Klinik sei sie zunächst irritiert gewesen, ebenso wie ihr Sohn: kein Krankenzimmer mit Fernseher, keine Medikamente, stattdessen der Arzt Lion, der sagt: "Wenn es juckt, dann kratz doch.

Nolte hat unter fachlicher Anleitung "Trennung" mit ihrem Sohn geübt. Er schlief nachts zeitweise ohne sie. Und er ging tagsüber zeitweise in ein Spielzimmer - auch ohne sie. Klinikmitarbeiter kümmerten sich jeweils um ihn, bis Nolte ihn wieder abholte. Exzessiv schreiende Kinder, die lernen sollen, sich allein wieder zu beruhigen.

Wie der kleine Joshua, der minutenlang laut weinend unter einem Waschbecken sitzt. Es sind Szenen wie diese, die für Zuschauer schwer auszuhalten sind - und für Kritiker Anlass, von Kindesmisshandlung zu sprechen. Denn die Doku wird weniger mit psychosomatischen Erkrankungen als vielmehr mit einem anderen Thema verknüpft: Kindererziehung. Dieser Diskurs ist stark ideologisch aufgeladen und von Extrempositionen geprägt.

Gehen oft unter. Da wird einerseits vor Kindern als "Tyrannen" gewarnt, die mit Druck diszipliniert werden müssten. Tenor: zurück zur autoritären Erziehung. Andererseits grenzen sich Menschen genau davon strikt ab, bis hin zu extremen Gegenmeinungen. Eltern, meist sind Mütter gemeint, sollten ihre Bedürfnisse maximal zurückstellen.

Kinder sollten ihre Bedürfnisse maximal ausleben können. Dazwischen: viel Unsicherheit. Je nachdem, wo sich Menschen in diesem Diskurs verorten und wie bereit sie sind, alle Facetten von "Elternschule" wahrzunehmen, lesen sie aus dem Film unterschiedlichste Botschaften:. Eine Rezensentin der "Süddeutschen Zeitung" schwärmt: "Für alle, die Kinder haben, ist der Film ein Muss.

Angeheizt wird die Debatte vor allem aus der Attachment-Parenting-Szene, etwa von Herbert Renz-Polster, einem Kinderarzt, der Bücher über Erziehung schreibt: Der Film zeige, wie das Verhalten eines Kindes mit Zwang korrigiert werden könne, bis es seinen Protest aufgebe. Der Begriff wird meist übersetzt mit bindungsorientierter oder bedürfnisorientierter Erziehung. Dabei geht es darum, dass die Eltern-Kind-Bindung, insbesondere die Beziehung des Kindes zur Mutter, besonders gefördert wird.

Die Mutter soll maximal auf Signale und Bedürfnisse des Kindes reagieren und ihm körperlich sehr eng und nah sein. Der Begriff Attachment Parenting stammt von dem US-Kinderarzt William Sears. Kritiker monieren, dass dieser Erziehungsansatz vor allem Frauen maximal einbindet und etwa eine Erwerbstätigkeit mindestens erschwert. Experten und Laien steigen in die Kritik ein, positionieren sich auf beiden Seiten.

Der Deutsche Kinderschutzbund rät Eltern angesichts des "gewaltvollen Charakters vieler Szenen" davon ab, sich die Doku anzusehen. Eltern dagegen, die in der Klinik waren und eine Selbsthilfegruppe gegründet haben, betonen: Familien fänden durch die Therapie wieder zueinander. Die Essener Staatsanwaltschaft stellte Ermittlungen nach einer Strafanzeige ein: Es gebe keine Hinweise auf strafbare Handlungen.

Aber all das fängt die Proteste nicht mehr ein. Die betroffenen Mütter, Psychologe Langer und Arzt Lion stehen dem halbwegs ratlos gegenüber. Der Film werde jedenfalls gezielt missverstanden: "Das ist kein Erziehungsratgeber. Die Kinder stehen unter Dauerstress. Wir helfen Eltern, anders damit umzugehen. Aber: Es gehe keineswegs darum, dass sie bisher in der Erziehung versagt hätten, wie oft behauptet werde.

Weder Eltern noch Kinder hätten Schuld am Stress. Meine Botschaft ist: 'Ihr Kind will Sie nicht ärgern. Eltern müssten Bedürfnissen nachkommen, aber auch Führung übernehmen.

Einfluss bedürfnisorientierter Erziehung auf die Familienatmosphäre

Aber davor würden sich viele Eltern scheuen, und dann fehle dem Kind Sicherheit. Gepaart mit einem komplizierten Krankheitsbild oder auch traumatischen Erlebnissen könne es in Dauerstress geraten. Und genau deshalb geht es in "Elternschule" ebenso wie in der Klinik eben auch um Erziehung, nur nicht so platt wie manche denken. Da sind sich Filmproduzent Fliess, selbst dreifacher Vater, und die beiden Mütter einig.

Was bedeutet eigentlich "bedürfnisorientierte Erziehung"?: Kind: › Lifestyle

Als Langer im Film sagt: "Wir machen uns ein Bild von unserem Kind", Eltern müssten es mit neuen Augen sehen und ihm vielleicht auch mehr zutrauen, da sei er vor Scham rot angelaufen, sagt Fliess. Den Blick auf die eigenen Kinder zu verändern, das könne "Elternschule" sehr wohl leisten. Noltes Sohn ist inzwischen 16 Jahre alt.

Sie gehört zu einer Selbsthilfegruppe von Eltern, die mit ihren Kindern in der Klinik waren, und sagt: Eltern müssten nicht alle denselben Weg in der Erziehung gehen und richtig finden. Aber ich habe von Langers Vorträgen über Psychosomatik, Stressregulation und liebevoll konsequente Erziehung viel gelernt, zum Beispiel, die Emotionen meiner Kinder auszuhalten, dass sie auch mal wütend und trotzig sein dürfen.

Noch eine Erkenntnis: "Ein Kind darf mal allein sein, wenn Eltern dann auch wieder intensiv Zeit mit ihm verbringen - ohne dass sie im Alltag dauernd am Handy oder mit den Gedanken woanders wären.

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Auch Devons Haut sei deutlich besser geworden. Sie selbst habe vor allem eins gelernt: loslassen. Der Streit um "Elternschule" habe der Debatte um Erziehung sehr geschadet, finden die beiden Frauen. Im Spätsommer soll der Film im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden. Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen: Hier beobachtete ein Filmteam über Wochen, wie Psychologen und Ärzte chronisch gestresste Kinder behandeln.

Mutter und Kind: Die Patienten sind Kinder, die etwa extreme Ein- und Durchschlafprobleme haben, das Essen verweigern, unter starker Neurodermitis leiden, sich nicht von ihren Eltern trennen und eigenständig wieder beruhigen können. Kleiner Patient im Schwesternzimmer: Die Ärzte sprechen von sogenannten Schlaf-, Fütter- und Regulations- sowie Funktionsstörungen.

Kurt-Andre Lion, ärztlicher Leiter der Abteilung im Anamnesegespräch: Die Klinik nimmt diese Kinder und ihre Hauptbezugsperson für drei Wochen stationär auf. Mütter mit Kleinkindern vor dem Klinikgebäude: Alle Familien haben eins gemeinsam. Sie bringen eine lange Leidensgeschichte mit. Ein Elternpaar hat Angst, ihr Sohn werde verhungern. Er will einfach nichts essen. Therapiebeispiel im Film: Weil Mutter und Kind angespannt sind, sobald Teller und Löffel bereitliegen, übernehmen Klinikmitarbeiter das Füttern.

Die Eltern sitzen allenfalls mit im Raum. Alle schweigen. So solle verhindert werden, dass wieder auf das Kind eingeredet werde: "Nun iss doch", sagt Langer. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie DGKJP schreibt, die im Film gezeigten Methoden seien "als klinisch und ethisch bedenklich zu werten und können im schlimmsten Fall dem Kind mehr schaden als nutzen.

Lion, Langer und Mitarbeiterinnen: Alle sind entsetzt über die heftigen Anfeindungen. Die Methoden entsprächen dem aktuellen Forschungsstand.