Kunst psychologisches

PSYCH JÖRN WIECHERS UND DIPL. KONSTANZE WOLTER Formen von Kunst sind in jeglichen menschlichen Zivilisationen allgegenwärtig. Doch besonders die visuelle Kunst ist trotz ihrer gesellschaftlichen Bedeutung im Vergleich zu angrenzenden Feldern, wie der Musik, in der psychologischen Forschung unterrepräsentiert. Das Ziel dieser Arbeit ist es, einen groben Überblick über die herausragenden Fragestellungen dieses Themengebiets zu liefern, Lücken aufzudecken und mögliche Richtungen für zukünftige Forschung zu identifizieren.

So beschrieb Weitz Kunst als undefinierbar, mangels gemeinsamer Merkmale, die alle Werke eint. Eine der historisch frühesten Unterscheidung von Kunst als distinkte Kategorie basiert auf dem wahrgenommenen Unterschied zwischen etwas Natürlichem und etwas vom Menschen Geschaffenen Hauser, Erst Mitte des Jahrhunderts wurde anhand des Begriffs der fine arts, bestehend aus Musik, Poesie, Malerei, Bildhauerei und Tanz, eine Abgrenzung zum Handwerk oder zu Wissenschaften, wie der Mathematik, vorgenommen Shrum, Nach einem klassischen Verständnis wird Kunst über eine objektive Ästhetik definiert, das ursprünglichste Bewertungskriterium im Sinne Platons basierte darauf, inwieweit das Werk die Natur widerspiegelt Wartenberg, Das psychologische Forschungsgebiet der empirischen Ästhetik untersucht Merkmalskategorien von Kunstwerken und deren Einfluss auf das menschliche Empfinden.

Ramachandran und Hirstein beispielsweise leiten acht ästhetische Prinzipien, wie Kontrast oder Symmetrie ab, für die sie neurowissenschaftliche Korrelate, unter anderem, mit der Aktivierung des Belohnungssystems annehmen. Die Bestimmung eines Werkes als Kunst anhand der subjektiven Intention seines Künstlers deckt jedoch eine neue definitorische Lücke auf, die ebenso schwer zu klären ist, wie die Ausgangsfrage: wer gilt als Künstler?

Zur Eingrenzung des Gegenstandsbereichs, wird in der Folge auf den Bereich der visuellen Kunst Bezug genommen. Mit der Frage, was als visuelle Kunst wahrgenommen wird, beschäftigten sich Hagtvedt und Patrick anhand einer qualitativen Befragung und definierten Kunst auf Basis ihrer Ergebnisse als Werke, die als geschickter und kreativer Ausdruck menschlicher Erfahrungen, deren Kreation nicht primär auf einer anderen Funktion basiert, wahrgenommen werden.

Dabei werden viele Werke angesehener Künstler, besonders bei fotorealistischem oder abstraktem Stil, nur sehr inkonsistent als Kunst wahrgenommen. Hayn-Leichsenring macht darauf aufmerksam, dass die Auswahl von Kunstwerken als Stimuli direkten Einfluss auf die Ergebnisse der Forschung hat. Es ist anzunehmen, dass die Reproduktion eines Kunstwerkes anhand eines Fotos auf einem Computerbildschirm dessen eigentliche Wirkung verfälscht.

Hayn-Leichsenring unterscheidet dabei fünf Perspektiven auf Eigenschaftsgruppen, für die er den semantischen Begriff der Intension gebraucht und die er aus den definitorischen Positionen von Kunst nach Piecha ableitet. Die Intensionen verleihen einem Kunstwerk jeweils für sich genommen oder in Kombination eine Bedeutung und definieren es als solches:. Essentialismus: Das Werk wird lediglich als physisches Objekt betrachtet, es erhält seine Bedeutung durch formelle Aspekte, die universell mit Ästhetik assoziiert sind.

Intentionalismus: Das Werk wird als physisch und mentales Objekt betrachtet, es erhält seine Bedeutung durch die Intention des Künstlers oder die, von den Betrachtern zugeschriebene Intention. Funktionalismus: Das Werk wird als physisch und mentales Objekt betrachtet, es erhält seine Bedeutung durch seine generelle objektive Funktion.

Historizismus: Das Werk wird als physisch und mentales Objekt betrachtet, es erhält seine Bedeutung durch die Einbettung in die Kunstgeschichte und den Vergleich mit anderen Werken. Institutionalismus: Das Werk wird lediglich als mentales Objekt betrachtet, es erhält seine Bedeutung indem es von Vertretern der Kunstwelt präsentiert wird. Clusteransatz: Umfasst alle möglichen Kombinationen der genannten Intensionen.

Für die Bewertung eines Werkes ist nun entscheidend, auf welche Intension oder Kombination aus Intensionen der Betrachter Bezug nimmt. Auf die Wahl dieser Intensionen hat die Auswahl der Stimuli durch die Forschenden einen direkten Einfluss. Eine Darstellung von Kunstwerken als Fotografien Kopien auf einem Computerbildschirm, kann einer essentialistischen Perspektive vllt.

Ein einfaches Beispiel hierfür, wäre das Betreten einer Galerie oder eines Museums. Eine solche Wahrnehmungsorientierung kann dazu führen, dass Werken mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird und Betrachter versuchen, eine tiefere Bedeutung zu erkennen, die über den ersten Eindruck hinaus geht Bailey, Entscheidend ist jeweils der Verarbeitungsfluss die Einfachheit und damit verbundene Schnelligkeit der Verarbeitung.

Zuerst erfolgt die automatische Verarbeitung objektiver Eigenschaften des Werkes. Sie geschieht ohne die Intention des Betrachters und ist ressourcenschonend. Geschieht diese Verarbeitung flüssiger, als erwartet, so folgen positiver Affekt und eine positive ästhetische Bewertung. Verläuft die Verarbeitung weniger flüssig, als erwartet, folgen negativer Affekt und negative Bewertung.

Kunstpsychologie

Bei bestehender Motivation, die Aufmerksamkeit auf dem Kunstwerk aufrechtzuerhalten, folgt eine kontrollierte Verarbeitung, welche die initiale Reaktion überschreibt. Diese Verarbeitung basiert auf einer reflektierten Elaboration des Werkes, dauert länger an, erfordert kognitive Ressourcen und bewusste Steuerung. Sie betrachtet weiterhin Aspekte der Ästhetik, aber auch die Funktion, Intention oder Geschichte des Werkes und bettet es so in Kontext, Wissen und Erfahrungen ein.

Die Bewertung erfolgt, vergleichbar zum automatischen Prozess, aus der Differenz zwischen der erwarteten und tatsächlichen Einfachheit der Verarbeitung. Das model of aesthetic experience AE model; Redies, unterscheidet ebenfalls eine automatische von einer kontrollierten Verarbeitung, geht allerdings von zwei parallelen Prozessen, anstelle einer hierarchischen Folge, aus.

Die ästhetische Bewertung eines Bildes ist demzufolge vom Verarbeitungsmodus abhängig und somit auch von vorhandenen kognitiven Ressourcen, Motivation oder vorhandener Zeit, die über diesen bestimmen. Bei Individuen, die sich in ihrer Motivation unterscheiden, kann die Betrachtung desselben Kunstwerkes unterschiedliche Verarbeitungsmodi aktivieren und so auch zu verschiedenen Schlüssen führen, ob es sich bei dem betrachteten Werk um Kunst handelt oder nicht.

Die Betrachtung von Kunst als Ausdruck von Sprache und Form der Kommunikation hat eine lange Tradition. Takahashi konnte zeigen, dass sich Emotionen anhand abstrakter Zeichnungen ausdrücken lassen, diese mit hoher Übereinstimmung von Betrachtern verstanden und mit verbalen Konzepten assoziiert werden. Nach Hayn-Leichsenrings Kategorisierung von Eigenschaftsperspektiven der Kunst, beschreiben vor allem Intentionalismus und Funktionalismus Kunst als Medium der Kommunikation.

Kunst erhält ihre Bedeutung einerseits durch den Ausdruck des Künstlers, andererseits durch die Interpretation der Betrachter oder gar eine objektive Symbolik. Daraus folgt, dass Kunst aus Sicht der anderen Eigenschaftsperspektiven theoretisch zwar auch ohne die Betrachtung als Kommunikationsmedium eine Bedeutung erhalten kann, in der Praxis aber häufig interpretiert und mit einer Aussage versehen wird.

Diese Annahme spiegelt sich auch in Erkenntnissen psychologischer Forschung wider. Jucker und Barrett bezogen sich auf die Theorie der artefact categorization Bloom, , wonach die Zuordnung von Artefakten zu einer distinkten Kategorie und deren Bewertung anhand der wahrgenommenen Intention seines Schöpfers erfolgt.

Form und Funktion dienen lediglich als Hinweis auf diese Intention. Diese basiert auf zwei Grundannahmen. Erstens, dass Kognition auf Relevanzmaximierung ausgelegt ist: Relevanz ist hierbei die Funktion aus Verarbeitungskosten und kognitivem Effekt Kosten-Nutzen-Verhältnis; kognitives Relevanzprinzip. Und Zweitens, dass Kommunikation stets die Erwartung auslöst, relevant zu sein kommunikatives Relevanzprinzip.

Bezogen auf Kunst folgt, dass diese intuitiv als nonverbale Form symbolischer Kommunikation in Bezug auf die Intention ihres Künstlers verarbeitet wird und dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis dieser Verarbeitung über ihre Bewertung entscheidet. Einen ähnlichen Ansatz verfolgten Dolese, Kozbelt und Hardin , indem sie ebenfalls einen kommunikationstheoretischen Ansatz auf die Kunst übertrugen.

Kunst? – Eine psychologische Perspektive

Auf Basis der Konversationsmaximen nach Grice wurde ein Fragebogen entwickelt, der künstlerische Kommunikation erfassen soll und anhand dieser zur Vorhersage der ästhetischen Bewertung von Kunst dient. Es wird angenommen, dass Kunst, die die Konversationsmaxime verletzt, negativer bewertet wird. Die Autorin macht darauf aufmerksam, dass die Übertragung der Maxime als erster Versuch zu betrachten ist.

Die Maxime erhalten in einem Rahmenmodell die folgenden Bedeutungen:. Quality: Die wahrgenommene Qualität der Fertigkeiten des Künstlers, Gedanken und Emotionen, auf angemessene Art und Weise darzustellen. Quantity: Die Menge der wahrgenommenen Informationen. Optimal, wenn es komplex genug wirkt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, ohne zu überfordern.

Relevance: Die wahrgenommene Relevanz, bezogen auf das Selbst oder die Gesellschaft. Lässt sich eine Verbindung der Darstellung mit dem eigenen Leben erkennen, wirkt das Werk lehrreich?

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Lassen sich gesellschaftliche Themen erkennen? Ist es durch seine Neuheit für die Kunstwelt bedeutsam? Manner: Die wahrgenommene Komposition des Werkes. Im Gegensatz zur Quantity nicht die Menge, sondern die Balance, die Organisation der Struktur einzelner Elemente. Die Maxime zeigten sich als gute Prädiktoren für die ästhetische Bewertung von Kunstwerken und das Erkennen einer Intention des Künstlers.

Zu der Frage, ob Kunstwerke intuitiv als Kommunikationen verarbeitet werden, treffen Wahrnehmungsmodelle von Kunst unterschiedliche Aussagen. Das AE model Redies, unterstützt beispielsweise eine sofortige Verarbeitung, Graf und Landwehr hingegen gehen in ihrem PIA model von einer kontrollierten und somit verzögerten Verarbeitung aus.

Wie sich der Prozess der Bedeutungskonstruktion gestaltet, spezifizieren die Autoren allerdings jeweils nicht. So scheint es sinnvoll, diesem Prozess mehr Beachtung zu schenken, ihn verständlicher zu machen und Aspekte der Kommunikation expliziter und differenzierter in Wahrnehmungsmodelle von Kunst einzubeziehen. Anthropologische Studien zeigen, dass Formen von Kunst in allen bekannten menschlichen Kulturen vorkommt Anderson, Das Schaffen und das Betrachten von Kunst wirkt intrinsisch belohnend und ist somit eine sich selbst verstärkende Verhaltensweise Lacey et al.

Der Mensch investiert sehr viel Zeit und Aufwand in die Beschäftigung mit Kunst Pinker, Diese Erkenntnisse lassen sich allesamt als Argumente für einen evolutionären Ursprung von Kunst deuten. In der Folge werden einige Ansätze vorgestellt, die Kunst als Verhalten aus einer evolutionären Perspektive betrachten, wobei Kunstverhalten sowohl die Produktion, als auch den Konsum von Kunst zusammenfasst.

Dabei ist zu beachten, dass Evolution die Geschichte von Organismen ist, bei der gegenwärtige Anpassungsprozesse auf den Ergebnissen vorheriger Anpassungsprozesse aufbauen Eastwick, Diese graduelle Anpassung führt dazu, dass Merkmale oder Verhaltensweisen im Laufe der Phylogenese unterschiedliche Funktionen einnehmen können, die sich häufig auch von ihrer ursprünglichen Funktion unterscheiden, oder gar funktionslos werden können.

Daraus ergeben sich insgesamt vier Erklärungsperspektiven. Dissanayake war als Anthropologin eine der ersten, die Kunst adaptives Verhalten im Kontext natürlicher Selektion untersucht hat und eine Erklärung für ihre Entstehung und Aufrechterhaltung lieferte. Als Ausgangspunkt und erste Formen künstlerischen Verhaltens, macht sie das Bondingverhalten zwischen Mutter und Kind aus, welches wahrscheinlich auf den Homo Erectus vor ca.

Interaktionen, wie spielerisches Verhalten und Baby-talk fördern die Bindung von Mutter und Kind und zeigen sich somit adaptiv. Sie vereinen ritualisierte Verhaltensweisen und erste Formen von Kunst anhand von Formalisierung, Wiederholung, Überzeichnung, Ausgestaltung und Manipulation von Erwartungen und Objekten Dissanayake, Kunstverhalten ist somit angeboren, zeigt sich bereits in frühem Kindesalter und entwickelt sich später zu gewöhnlichem Kunstverhalten Erwachsener Dissanayake, Die Interaktionen führen zu einer Ausschüttung von prosozialen Hormonen und wirken so belohnend und positiv verstärkend auf den Organismus.

Die resultierende emotionale Reaktion lässt sich in vergleichbarer Form bei der Betrachtung zeitgenössischer Kunst finden Dissanayake, Kunstverhalten zeigt sich adaptiv, da es Ängste und Stress reduziert und soziale Kohäsion fördert und so für Überlebensvorteile von Individuen und Gruppen sorgt. Auch Mithen führt die Entstehung der Kunst auf einen kognitiven Sprung in der Entwicklung des Menschen zurück und betrachtet sie ebenfalls als Anpassungsleistung, die Überlebensvorteile schafft.

Er sieht jedoch ihren Ursprung vor ca. Kunst dient somit als Werkzeug zur Speicherung von Informationen und Erweiterungdes Gehirns und sollte Individuen und Gruppen so Überlebensvorteile sichern. Tooby und Cosmides sehen die adaptive Funktion von Kunst, die sie als fiktionale oder imaginative Erfahrung begreifen, in der Bereitstellung eines Übungsgeländes, um kognitive Fähigkeiten zu trainieren.

Sie dient somit nicht der Veränderung der externen Umwelt, sondern der Anpassung der internen mentalen Organisation, anhand ästhetischer Prinzipien.

Dekonstruierende Kunst – Psychologisches Institut

So lassen sich beispielsweise Reaktionen auf gefährliche Hinweisreize, Empathie, Antizipation oder soziale Situationen trainieren, was dem Individuum einen Überlebensvorteil verschafft. Es ist zu vermuten, dass sich Kunst in Wechselwirkung mit anderen mentalen Funktionen, wie der Imagination dem episodischen Gedächtnis oder der theory of mind entwickelt hat Seghers, Pinker geht ebenfalls davon aus, dass die Grundlagen für die Entstehung von Kunst in den Mechanismen natürlicher Selektion liegen, erkennt in ihr jedoch keinen direkten Nutzen, sondern sieht sie als Beiprodukt Nebenprodukt der Evolution.

Er betrachtet Kunst als evolutionären Käsekuchen, als pleasure technology, der es gelingt, als Stimuli das Belohnungssystem des menschlichen Organismus zu stimulieren. Dies gelingt, da Kunst ästhetische Reize beinhaltet, wie Farben, Formen, Muster, Licht und Schatten oder Illusionen, die eine Geometrie der Schönheit imitieren und welche sich im Laufe der Evolution als adaptive Hinweisreize für sichere, nahrungsreiche oder erkundbare Lebensräume und gesunde Artgenossen entwickelt haben.