Langzeitarbeitslosigkeit psychologie

Mehr als 2,9 Millionen Menschen in Deutschland sind arbeitslos, deutlich mehr als vor der Corona-Krise. Im Februar waren beispielsweise Der Psychologe und Professor Karsten Paul forscht seit 20 Jahren zu Arbeitslosigkeit und untersucht, wie Betroffene mit Jobverlusten umgehen. ZEIT ONLINE: Was macht es mit einem, wenn man jetzt in der Krise seinen Job verliert?

Allerdings macht es psychologisch über längere Zeit keinen Unterschied, ob man plötzlich arbeitslos wurde — wie jetzt in der Krise — oder ob die Kündigung absehbar war. Für die meisten Betroffenen wirkt Arbeitslosigkeit auf Dauer frustrierend und belastend. ZEIT ONLINE: Mehr als 2,6 Millionen Menschen sind in Deutschland in Kurzarbeit.

Arbeitslosigkeit – Dorsch: Lexikon der Psychologie

Wie wirkt sich die auf die Psyche aus? Paul: Kurzarbeit wirkt natürlich belastend, schon allein wegen des verringerten Gehalts. Aber diese Situation ist psychisch weniger belastend als Arbeitslosigkeit. Die eigene Zukunft wird schwer planbar. Wer sich in Kurzarbeit befindet, hat wenigstens die Perspektive, dass es irgendwann zum gewohnten Joballtag zurückgeht. Dazu kommt: Vom Status her ist Kurzarbeit echte Arbeit, sie ist gesellschaftlich anerkannt und wird von allen Beteiligten als solche akzeptiert, was ebenfalls psychisch entlastend wirkt.

ZEIT ONLINE: Sollte man sich also einen besonders krisenfesten und systemrelevanten Beruf suchen, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden — auch wenn der dann möglicherweise weniger den eigenen Interessen entspricht? Paul: Das würde ich eher nicht empfehlen. Glück im Arbeitsleben hängt ja nicht nur von der Sicherheit des Jobs ab. Sicherheit bringt einem wenig, wenn man aus anderen Gründen unzufrieden ist, zum Beispiel weil man die Arbeit als sinnlos empfindet.

Es gibt Untersuchungen, in denen Arbeitslosigkeit mit Jobs verglichen wurde, mit denen die Angestellten unzufrieden waren. Da fanden sich dann keine Unterschiede hinsichtlich der psychischen Gesundheit zwischen Arbeitslosen und Erwerbstätigen, ganz im Gegensatz zu den Jobs, mit denen ihre Inhaber zufrieden waren.

Nicht jede Art von Erwerbsarbeit fühlt sich also besser an, als keine Arbeit zu haben.

Psychologie: Arbeitslosigkeit verändert die Persönlichkeit

ZEIT ONLINE: Inwiefern hat sich durch die Krise die Lage von Arbeitssuchenden verschlimmert? Paul: Unsere Daten deuten darauf hin, dass es den Arbeitslosen noch schlechter geht als vorher schon. Die coronabedingten Sorgen und Probleme kommen zu den ohnehin schon vorhandenen hinzu. Arbeitslose sind zudem generell eine Gruppe, die sich auf dem Arbeitsmarkt in einer ungünstigen Position befindet.

Das hat die Corona-Krise noch einmal verstärkt. Eine neue Stelle zu finden, ist noch schwieriger geworden. Psychologisch etwas entlastend könnte es sein, wenn das persönliche Umfeld Arbeitslosigkeit als coronabedingt betrachtet und einem keine Vorwürfe macht. Der Makel, es läge an den Arbeitslosen selbst, ist dadurch geringer.

Und bei denjenigen, die eine realistische Hoffnung darauf haben, nach der Krise wieder eingestellt zu werden, weil ihre Arbeitslosigkeit pandemiebedingt ist, dürfte diese Perspektive ebenfalls entlastend wirken. ZEIT ONLINE: Kann man krank werden, wenn man seine Arbeit verliert? Paul: Für einen Teil der Betroffenen trifft das zu, ja. Arbeitslose haben im Vergleich zu Erwerbstätigen eine insgesamt schlechtere körperliche Gesundheit.

Untersuchungen zum Immunsystem haben gezeigt, dass Arbeitslosigkeit einige Immunmarker, also bestimmte Proteine im Körper, die an der Immunabwehr beteiligt sind, negativ beeinflusst. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass bei arbeitslosen Menschen die Sterblichkeit erhöht ist, sie also etwas früher als andere sterben. Dazu kommen die seelischen Belastungen, die wiederum zu psychischen Krankheiten führen können.

Arbeitssuchende sind häufiger traurig, niedergeschlagen, fühlen sich wertlos. Sie haben eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, depressiv zu werden, wie Menschen in der erwerbstätigen Bevölkerung. ZEIT ONLINE: Welche weiteren psychischen Krankheiten können entstehen? Paul: Oft leiden die Betroffenen auch unter Angstgefühlen.

Wenn es zum Beispiel um die Sicherung des Lebensstandards geht: Wie kann ich mein Haus halten? Muss ich es verkaufen und umziehen? Kann ich mir überhaupt noch ein Auto leisten? ZEIT ONLINE: Ist Arbeitslosigkeit für Menschen mit ursprünglich höherem Einkommen belastender als für Personen, die zuvor eher weniger verdient haben? Also der Unterschied vom vorherigen Beruf zur Arbeitslosigkeit.

Aber nach unseren Daten ist das nicht so. Demnach scheint es Personen, die vorher schlechter bezahlte und eher wenig angesehene Berufe hatten, in der Arbeitslosigkeit schlechter zu gehen. Diese Menschen haben weniger finanzielle Rücklagen und bekommen nur eine geringe Arbeitslosenunterstützung. Ein Ingenieur hat hingegen wahrscheinlich noch Erspartes auf dem Konto und erhält zudem mehr Arbeitslosengeld.

Zudem sind für Akademiker die Chancen, bald wieder eine neue Stelle zu finden, höher, was sich ebenfalls positiv auf das psychische Befinden auswirkt.