Empathiefähigkeit psychologie
Lipps hatte Anfang des Jahrhunderts den psychologischen Prozess der Einfühlung untersucht. Empathiefähigkeit ist demnach so etwas wie Einfühlungsvermögen. Wissenschaftliche Definition Eine exakte wissenschaftliche Definition von Empathie, auf die sich alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verständigen können, steht bis heute aus. Zu diesem Schluss kommt zumindest der britische Psychologe Benjamin Cuff, der vor einigen Jahren zusammen mit Kolleginnen eine Reihe von Schlüsselpublikationen auf diesem Gebiet ausgewertet hat.
Dabei identifizierte er 43 Begriffserklärungen, die sich zumindest in Teilen unterschieden. Oft versteht man unter dem Begriff im Wesentlichen die Gabe, die Emotionen der Mitmenschen nachzufühlen und sich vorstellen zu können, was sie denken oder empfinden. Zur Empathie zählt aber auch, angemessen darauf zu reagieren — sein Gegenüber in den Arm zu nehmen, ihm seine Hilfe anzubieten oder sich nach einer positiven Erfahrung mit ihm zu freuen.
Empathie ist nicht gleich Mitgefühl Empathie ist zwar verwandt mit Mitleid und Mitgefühl, aber keineswegs dasselbe. Bei Empathie empfinden wir zumindest ein Stück weit wie eine andere Person; ist sie traurig, trauern wir mit; ist sie ärgerlich, werden wir ebenfalls sauer. Wenn wir Mitleid empfinden, tut uns der andere dagegen leid - wir bedauern seine Umstände.
Auch der Begriff Mitgefühl hat paradoxerweise wenig damit zu tun, dass wir dasselbe fühlen wie die Person, auf die es sich richtet. Wenn wir ein Kind beobachten, das sich vor einem kläffenden Dackel fürchtet, dann teilen wir seine Angst vermutlich nicht. Dennoch möchten wir die für das Kind unangenehme Situation beenden, zum Beispiel indem wir zu ihm gehen und den Dackel verscheuchen.
Wie Empathie geht Mitgefühl also ebenfalls mit der Motivation einher, helfen zu wollen, allerdings ohne die für Empathie typische emotionale Einfühlung — so beschreibt es zumindest der US-Psychologe Paul Bloom. Ekpathie: der Gegenspieler Der spanische Psychiater Luis de Rivera hat vor einigen Jahren den Begriff der Ekpathie geprägt. Durch diese Distanzierung lassen wir uns auch weniger leicht manipulieren, meint er.
Emotionale Empathie: Ich fühle, was du fühlst Emotionale oder auch affektive Empathie ist das Vermögen, die Emotionen einer anderen Person nachzufühlen: Wir lesen ein Interview mit einem Mann, der bei der Flutkatastrophe im Ahrtal sein Hab und Gut verloren hat, und spüren seine Verzweiflung mit. Wir sehen eine Mutter, die um ihr verstorbenes Kind weint, und fühlen selbst einen Stich in unserem Herzen.
Empathie ermöglicht es uns, die Gefühle einer Person in uns so weit zu reproduzieren, dass wir sie verstehen. Dabei spielen auch unsere eigenen Erfahrungen eine Rolle — etwa wenn wir uns an eine Situation erinnert fühlen, in der wir selbst einen schmerzlichen Verlust erfahren haben. Emotionale Empathie lässt uns also empfinden, was unser Mitmensch empfindet.
Sie beschreibt unsere emotionale Antwort auf seinen Gefühlszustand.
Empathie und Mitgefühl als psychologische Fähigkeiten
Dazu muss der andere nicht unbedingt anwesend sein; ja er braucht nicht einmal zu existieren: Die Schicksalsschläge der Protagonistin eines Kinofilms oder einer Romanfigur können uns ebenfalls zu Tränen rühren. Emotionale Empathie ähnelt in mancher Hinsicht einem anderen Phänomen: der Gefühlsansteckung: Dabei werden Emotionen ebenfalls von Mensch zu Mensch übertragen.
Allerdings geschieht das unbewusst — wir sehen, dass jemand weint, und werden traurig; uns ist aber nicht bewusst, wodurch diese Trauer ausgelöst wurde. Emotionale Empathie hilft uns, affektive Verbindungen zu anderen herzustellen. Eine Pastorin, die einem Mitglied ihrer Gemeinde beim Verlust einer geliebten Person beistehen möchte, muss dazu nicht unbedingt mittrauern.
Sie muss aber verstehen, wie es dem Hinterbliebenen geht, um in dieser Situation die angemessenen Worte zu finden. Diese Fähigkeit nennt man kognitive Empathie. Sie versetzt uns dazu in die Lage, eine Situation aus der Warte unserer Mitmenschen zu sehen und so ihre Emotionen und Gedanken rational nachzuvollziehen.
Damit können wir auch besser einschätzen, wie wir uns selbst in dieser Situation verhalten sollten, um unserem Gegenüber zu helfen. Dieser gedankliche Perspektivwechsel der bei der emotionalen Empathie fehlt bildet damit auch eine wesentliche Basis von Takt und Fingerspitzengefühl. Emotionale und kognitive Empathie sind vermutlich zwei verschiedene, voneinander unabhängige Kompetenzen.
So schneiden Menschen, die unter einer Störung aus dem Autismus-Spektrum leiden, bei Tests auf kognitive Empathie häufig vergleichsweise schlecht ab. Ihre Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen, scheint dagegen kaum oder gar nicht beeinträchtigt. Genau umgekehrt sieht es bei Männern und Frauen mit psychopathischen Persönlichkeitszügen aus: Sie können sich rational sehr wohl in das Innenleben ihrer Mitmenschen hineinversetzen; daher sind sie häufig auch gut darin, andere Personen zu manipulieren.
Da ihnen aber die Gabe abgeht, die Emotionen anderer nachzuempfinden, sind sie gleichzeitig oft ausgesprochen skrupel- und rücksichtslos. Tatsächlich vermutet man heute, dass für emotionale und kognitive Empathie verschiedene Zentren im Gehirn zuständig sind. So ist bei manchen Menschen eine Hirnregion in der Nähe der Stirn geschädigt, der ventromediale präfrontale Kortex.
Empathie – Dorsch: Lexikon der Psychologie
Dadurch fällt es ihnen schwerer, sich kognitiv in andere Personen hineinzuversetzen. Ihre Fähigkeit zur emotionalen Empathie ist dadurch jedoch nicht beeinträchtigt. Im Normalfall sind aber wohl immer beide Systeme aktiv, wenn wir uns in jemanden einfühlen. Soziale Empathie: Gefühl für die Gruppe Elisabeth Segal, Professorin an der Arizona State University, hat vor einigen Jahren den Begriff der sozialen Empathie geprägt.
Dabei handelt es sich aber nicht um einen weiteren Mechanismus der Einfühlung, eine Art dritte Spielart neben der emotionalen und der kognitiven Empathie. Stattdessen geht es Segal um die Frage, worauf sich die Empathie richtet. Normalerweise versetzen wir uns in einzelne Mitmenschen. Soziale Empathie bezeichnet dagegen die Fähigkeit, die Belange und Interessen von Gruppen zu verstehen, etwa von Menschen aus anderen sozialen Schichten als der eigenen oder aus fremden Kulturen.
Emotionale und kognitive Empathie sind die Basis sozialer Empathie: Wer schon Schwierigkeiten hat, sich in die Lage einer einzelnen Person zu versetzen, dem wird das bei einer ganzen Gruppe erst recht nicht leichtfallen. Segal hält diese Fähigkeit aber für ausgesprochen wichtig: Nur wer zu einem solchen Perspektivwechsel in der Lage ist, kann die Konsequenzen des eigenen Handelns für andere berücksichtigen und sein Tun daran ausrichten.
Wer sich beispielsweise in die Situation indischer Landwirte einfühlen kann, denen in der Dürre die komplette Ernte vertrocknet ist, versucht künftig vielleicht eher, unnötige Autofahrten oder Flüge zu vermeiden. Segal sieht in sozialem Empathievermögen daher eine wichtige Voraussetzung für soziale Verantwortung. Umgekehrt seien Rassismus und Vorurteile ein Ausdruck mangelnder sozialer Empathie.
Dort bezeichnet er die Fähigkeit, das Beziehungsgeflecht von Gruppen — etwa am Arbeitsplatz — zu verstehen, das Verhalten der Mitglieder zu antizipieren und zu beeinflussen. Mit dem ursprünglichen Konzept von Elisabeth Segal hat das nur am Rande zu tun. Mimikry und die Spiegelneuronen Wenn wir jemanden lächeln sehen, dann zucken auch bei uns unbewusst die Mundwinkel nach oben.
Ähnliches gilt, wenn wir ein angstverzerrtes oder trauriges Gesicht beobachten — auch in solchen Fällen gleicht sich unsere Mimik an. Dieses Phänomen wird als Mimikry bezeichnet. In der Empathie-Forschung spricht man manchmal auch von motorischer Empathie. Sie ist eine Grundlage der emotionalen Empathie. Eine wichtige Rolle könnten für das Einfühlungsvermögen auch die sogenannten Spiegelneuronen spielen.
Dabei handelt es sich um Nervenzellen im Gehirn, die einerseits bei bestimmten Handlungen aktiv werden — beispielsweise, wenn wir die Hand nach einem Apfel ausstrecken. Andererseits zeigen sie ein ganz ähnliches Erregungsmuster, wenn wir dieselbe Handlung lediglich beobachten. Sie verhalten sich also so, als ob wir nicht nur zusähen, sondern selbst aktiv wären.
Möglicherweise befähigen sie uns also dazu, uns in die beobachtete Person hineinzuversetzen. Tatsächlich deuten Studien darauf hin, dass Menschen sich umso besser einfühlen können, je aktiver bei ihnen die Spiegelneuronen sind. Kann Empathie erlernt werden?
Empathie: So wichtig ist unser Einfühlungsvermögen | Psychologie | Verstehen | ARD alpha
Empathiefähigkeit gilt als Voraussetzung für gute soziale Beziehungen. Empathie motiviert uns, anderen zu helfen und uns moralisch zu verhalten, sie erlaubt uns, Konflikte zu vermeiden oder zu lösen, und sie ist wichtig für den Zusammenhalt von Gruppen. Kein Wunder, dass in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Programmen entwickelt wurden, die zum Ziel haben, das Empathievermögen zu steigern.
Sehr wirksam scheinen bestimmte Formen der Achtsamkeits-Meditation zu sein. Dabei lernen die Beteiligten, ihre Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle bewusst wahrzunehmen und sich auf die Quelle dieser Gedanken und Emotionen zu konzentrieren. Flankierend dazu üben sie, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen.
Sie stärkt zunächst das Gefühl der Selbstliebe, das die Teilnehmenden dann in einem zweiten Schritt auf ihre Mitmenschen übertragen. Beide Programme steigern nachweisbar die Empathie. Einen ähnlichen Effekt scheint Studien zufolge auch Musik zu haben: Kinder, die längere Zeit Musikunterricht hatten, sind oft besser darin, sich in andere einzufühlen.
Die Gründe dafür sind noch nicht vollständig bekannt. Musik hat eine starke emotionale Komponente; möglicherweise erleichtert sie es dadurch, die eigenen Gefühle wie auch die der Mitmenschen wahrzunehmen. Wer mit anderen musiziert, teilt diese emotionale Erfahrung zudem mit den Mitgliedern der Gruppe — als Musiker fühlt man also mit anderen zusammen.
Menschen mit einem schwach ausgeprägten Empathievermögen kommen öfter mit dem Gesetz in Konflikt. Gezielte Trainings, beispielsweise in der Schule, könnten daher möglicherweise einen Beitrag zur Kriminalitätsbekämpfung leisten — so hoffen zumindest Forschende. Studien zufolge könnte auch die Wirtschaft von derartigen Programmen profitieren. So können Rollenspiele dazu beitragen, dass sich Führungskräfte besser in die Lage ihrer Mitarbeitenden hineinversetzen.
Diese wiederum bewerten die Arbeitsatmosphäre als umso angenehmer, je empathischer ihre Vorgesetzten sind. Umfragen bestätigen diesen Effekt. Zugleich wirken sich empathische Chefinnen und Chefs sogar positiv auf die Innovationskraft und Produktivität ihrer Unternehmen aus. Der Philosoph David Lauer kritisiert allerdings, dass die Fähigkeit zur Einfühlung heute allzu oft als reines Mittel zum Zweck gesehen wird, worin auch immer dieser liegen mag: im Knüpfen von Freundschaften, beruflichem Erfolg oder blanken Durchsetzen der eigenen Vorstellungen.
Empathie lernen: 5 Tipps Seien Sie aufmerksam. Und zwar zunächst einmal gegenüber den Signalen Ihres eigenen Körpers: Wer Hunger hat, gestresst ist oder sich im Hinterkopf mit irgendwelchen Problemen beschäftigt, der kann sich nicht auf seine Mitmenschen einlassen. Im Gespräch mit anderen gilt: Legen Sie das Handy zur Seite und schenken Sie Ihrem Gegenüber Ihre volle Konzentration.
Achten Sie nicht nur auf seine oder ihre Worte, sondern auch auf Gestik und Mimik. Und fragen Sie nach — seien Sie neugierig! Begegnen Sie ihren Mitmenschen unvoreingenommen. Vorurteile legen uns Scheuklappen an; mit einem vorgefassten Urteil ist es schwer, sich in die Lage eines anderen zu versetzen und die Welt durch seine oder ihre Augen zu sehen.
Versuchen Sie, nicht auf das Trennende zu fokussieren, sondern auf das, was Sie mit der anderen Person gemeinsam haben. Die Grundbedürfnisse der Menschen sind gleich, und am universellsten ist vielleicht die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben. Üben Sie den Perspektivwechsel. Nicht nur, indem Sie versuchen, sich in die Lage Ihrer Gesprächspartnerin oder Ihres Gesprächspartners zu versetzen, sondern auch, indem Sie Ihren Horizont erweitern: Diskutieren Sie mit Menschen, die nicht Ihrer Meinung sind.
Lesen Sie Zeitungsartikel, die nicht das bestätigen, was Sie ohnehin schon glauben.